Kursangebot | Grundkurs Strafrecht BT I | Mordmerkmale der ersten Gruppe

Strafrecht Besonderer Teil 1

Mordmerkmale der ersten Gruppe

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VI. Mordmerkmale der ersten Gruppe

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Die Mordmerkmale der ersten Gruppe beschreiben das verwerfliche Motiv zur Tatbegehung.

1. Mordlust

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Bei der Mordlust ist der Wunsch, einen anderen Menschen sterben zu sehen, einziger Zweck der Handlung.

BGH NJW 1953, 1440. In der Klausur wird Ihnen dieses Mordmerkmal eher selten begegnen. In der Praxis liegt bei solchen Tötungen zumeist eine verminderte oder gar aufgehobene Schuldfähigkeit gem. §§ 20, 21 vor.

Definition

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Definition: Mordlust

Aus Mordlust handelt demnach, wer seine Befriedigung in dem Tötungsakt sucht.

Beispiel

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F möchte einmal live und nicht nur im Kino erleben, was man empfindet, wenn man einem anderen beim Sterben zusieht. Zu diesem Zweck und um seinen Freunden zu imponieren überfällt er eines Abends den ihm körperlich unterlegenen Nachbarsjungen N, durchtrennt ihm mit einem gekonnten Schnitt die Halsschlagader und sieht ihm genüsslich beim Verbluten zu.

2. Zur Befriedigung des Geschlechtstriebes

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Definition

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Definition: Zur Befriedigung des Geschlechtstriebs

Zur Befriedigung des Geschlechtstriebs tötet, wer zum einen schon im Tötungsakt die geschlechtliche Befriedigung sucht, darüber hinaus aber auch derjenige, der die geschlechtliche Befriedigung an der Leiche sucht. Auch der Sexualverbrecher, der das Opfer zur Ermöglichung seiner Tat würgt und dabei in Kauf nimmt, dass das Würgen den Todeseintritt zur Folge hat, handelt zur Befriedigung des Geschlechtstriebes.

Entscheidend ist, dass das Tötungsopfer identisch ist mit der Person, auf die sich das sexuelle Begehren richtet.

Fischer § 211 Rn. 9. Ferner muss das Bedürfnis zum Zeitpunkt der mit Vorsatz ausgeführten Tötungshandlung vorliegen. Wie bei allen Mordmerkmalen der ersten Gruppe muss es das Motiv zur Tatbegehung sein.

Beispiel

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A überfällt abends die zwei Freundinnen F und H. Um sich an F ungestört vergehen zu können, tötet A zunächst die H. In diesem Fall liegt keine Tötung zur Befriedigung des Geschlechtstriebes vor, da keine Opferidentität gegeben ist. In Frage kommt jedoch eine Tötung zur Ermöglichung einer anderen Straftat. Sofern A danach jedoch auch die F während des Geschlechtsverkehrs würgt, um sie daran zu hindern, zu schreien und dabei bewusst den Tod in Kauf nimmt, handelt er darüber hinaus auch zur Befriedigung des Geschlechtstriebes.

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Umstritten ist, ob zwischen der Tötungshandlung und der Befriedigung ein zeitlich räumlicher Zusammenhang vorliegen muss. Im Interesse einer restriktiven Auslegung wird dies teilweise von der Literatur gefordert.

LK-Jähnke § 211 Rn. 7. Der BGH hat dies im sog. „Kannibalenfall“ verneint und es als ausreichend angesehen, dass der Täter sich erst durch die spätere Betrachtung einer Videoaufzeichnung von der Tötung sexuell befriedigen will, da der Täter auch in diesem Fall für seine Befriedigung „über Leichen gehen will“.BGH NJW 2005, 1876. (lesen Sie dazu auch das Beispiel unter Rn. 69)

3. Habgier

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Definition

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Definition: Habgier

Unter Habgier versteht man allgemein das rücksichtslose und ungezügelte Streben nach Gewinn „um jeden Preis“.

Ein Täter handelt aus Habgier, wenn er bei Begehung der Tat von der Vorstellung geleitet wird, dass sich sein Vermögen durch den Tod des Opfers unmittelbar vermehrt.

Jäger Strafrecht BT Rn. 30.

Beispiel

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Der Auftragskiller K erhält für die Tötung des Ehemannes M von dessen Ehefrau E 10 000 €. Einziger Beweggrund für die Tötung ist der Erhalt des Geldes. Habgier liegt hier unstreitig vor, da K als Mittel zur Vermögensmehrung den Tod eines anderen Menschen einsetzt und damit in drastischer Form die Geringschätzung des menschlichen Lebens zum Ausdruck bringt.

Weitere typische Fälle sind der Raubmord sowie die Tötung zur Erlangung eines Erbes oder einer Lebensversicherung.

Habgier liegt nach überwiegender Auffassung auch vor, wenn der Täter durch die Tötung eine Befreiung von seiner Unterhaltspflicht erstrebt, mithin sein Vermögen durch ersparte Aufwendungen mehren will.

BGHSt 10, 399.

4. Sonstige niedrige Beweggründe

Video: Mordmerkmale der ersten Gruppe

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Die oben genannten Mordmerkmale sind Unterfälle des Mordmerkmals „Niedriger Beweggrund“. Sonstige niedrige Beweggründe sind mithin solche, die es vom Unrechts- und Schuldgehalt mit den obigen aufnehmen können.

Definition

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Definition: niedrigen Beweggründen

Allgemein versteht man unter niedrigen Beweggründen Tatantriebe, die nach rechtlich-moralischer Wertung auf tiefster Stufe stehen, durch hemmungslose Eigensucht bestimmt und deshalb besonders verachtenswert sind.

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Bei der vorzunehmenden Wertung sind sämtliche Umstände der Tat und des Täters in die Bewertung mit einzubeziehen, insbesondere das Verhältnis des Anlasses zu den Folgen der Tat. Ist die Tat in keiner Hinsicht „nachvollziehbar“, so kann ein niedriger Beweggrund angenommen werden.

Wessels/Hettinger/Engländer Strafrecht BT 1 Rn. 112.

Beispiel

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Der frisch verliebte A unterstellt seiner neuen Freundin F, dass diese ihn mit ihrem Arbeitskollegen betrüge. Obgleich für diese Annahme keinerlei Indizien vorliegen und F alles tut, um die Eifersucht des A zu lindern, versteigt sich A immer mehr in diese Vorstellung bis er eines Tages, als er F in einem Gespräch mit dem Arbeitskollegen erblickt, zum Messer greift und F ersticht.

Zwar können Gefühlsregungen wie Eifersucht, Zorn und Wut verständlich sein, wenn sie jedoch, wie im vorliegenden Fall jeglicher Grundlage entbehren, kommen sie als niedriger Beweggrund in Betracht, da ein nachvollziehbarer Anlass zur Tat nicht angenommen werden kann. A hat sich vorliegend wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen strafbar gemacht.

Expertentipp

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Bedenken Sie, dass jede Tötung gem. § 212 verwerflich ist. Damit ein niedriger Beweggrund und somit Mord gem. § 211 angenommen werden kann, muss eine besonderes, gesteigerte Verwerflichkeit vorliegen, die regelmäßig in einem eklatanten Missverhältnis zwischen Anlass und Tat liegt. In der Klausur muss an dieser Stelle eine alle Aspekte umfassende Argumentation erfolgen. Mit überzeugender Begründung ist wie immer vieles vertretbar.

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Als niedrige Beweggründe wurden Rassenhass, Ausländerfeindlichkeit, sowie Imponiergehabe und Rachsucht angenommen, sofern Letztere keine nachvollziehbare Ursache hatte. Auch die auf besonderen, kulturell bedingten Ehrvorstellungen beruhende „Blutrache“ kann einen niedrigen Beweggrund darstellen. In neueren Entscheidungen hat der BGH deutlich gemacht, dass bei der Bewertung grundsätzlich nur auf die Vorstellungen der hiesigen Wertegemeinschaft abzustellen sei,

S_BGH\-2002-02-20\-5StR538-01BGH Entscheidung vom 20.2.2002 Az 5 StR 538/01 – abrufbar unter www.bundesgerichtshof.de. ein niedriger Beweggrund gleichwohl verneint werden könne, wenn dem Täter aufgrund der traditionellen Wert- und Moralvorstellungen die Umstände nicht bewusst waren, die die Niedrigkeit ausmachenS_BGH\-2006-01-10\-5StR341-05BGH Entscheidung vom 10.1.2006 Az 5 StR 341/05 – abrufbar unter www.bundesgerichtshof.de. oder die Rache aufgrund anderer Umstände nachvollziehbar erscheint.

Beispiel

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Bei einem Versöhnungstreffen zweier türkischer Familien wird das Familienoberhaupt O hinterrücks getötet. Die Ehefrau E, der Sohn S und der Neffe N sind überzeugt, dass X der eigentliche Drahtzieher des Mordes an O ist. E und S sowie weitere fünf Geschwister leben aufgrund des Todes des O, der die Familie ernährt hatte, seit der Tat in finanziell sehr beengten Verhältnissen und werden tagtäglich mit dem Verlust des O konfrontiert. N ist weder materiell noch emotional sonderlich durch die Tat betroffen. Am Tattag sitzen alle drei im Fahrzeug des S und verfolgen X, dem sie zufällig begegnet sind, über mehrere rote Ampeln hinweg zu seiner Wohnung. Noch während X in seinem Auto sitzt, wird er von N, der auf dem Beifahrersitz des von S gesteuerten Fahrzeugs sitzt, erschossen.

S_BGH\-2006-01-10\-5StR341-05BGH Entscheidung vom 10.1.2006 Az 5 StR 341/05 – abrufbar unter www.bundesgerichtshof.de.

Der BGH hat bei N Blutrache als niedrigen Beweggrund bejaht. N habe ausschließlich zur Wiederherstellung der Familienehre gehandelt und sich damit gleichsam als Vollstrecker eines Familienurteils über die Rechtsordnung erhoben. Bei E und S hingegen hat er ausgeführt, dass deren Motivation aufgrund des Näheverhältnisses zu O und der permanenten persönlichen Betroffenheit nachvollziehbar und damit nicht niedrig war.

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Der Täter muss sich bei der Begehung der Tat immer der Umstände bewusst sein, welche die Tötung als besonders verwerflich erscheinen lassen („Bewusstseinsdominanz“). Es ist nicht erforderlich, dass der Täter seine Beweggründe als niedrig beurteilt. Er muss jedoch seine Beweggründe, die Anlass zur Tötung waren, erfasst haben. Problematisch kann dies werden bei einem spontan gefassten Tötungsentschluss, bei welchem dem Täter kaum Zeit zum Nachdenken bleibt. Liegen bei dem Täter mehrere Motive vor, so ist das Motiv zu ermitteln, welches als bewusstseinsdominantes Merkmal der Tat das besondere Gepräge gegeben hat.

Fischer § 211 Rn. 16.

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