Kursangebot | Grundkurs Strafrecht BT I | Körperverletzung mit Todesfolge, § 227

Strafrecht Besonderer Teil 1

Körperverletzung mit Todesfolge, § 227

I. Überblick

239

§ 227 ist, wie § 226 Abs. 1 auch, eine Erfolgsqualifikation zur einfachen Körperverletzung gem. § 223. Die Besonderheit bei Erfolgsqualifikationen bestehen darin, dass hinsichtlich der besonderen Folge (der Tod bei § 227 oder die Folgen gem. der Nrn. 1–3 bei § 226 Abs. 1) gem. § 18 Fahrlässigkeit ausreicht.

§ 227 Abs. 2 enthält eine Strafzumessungsvorschrift für minder schwere Fälle.

240

Der Aufbau der Erfolgsqualifikationen der §§ 226 Abs. 1 und 227 sieht wie folgt aus:

Schwere Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge, S_152/Teil_Besonderer Teil/Abschn_17/§_226/Abs_1§ 226 Abs. 1 bzw. S_152/Teil_Besonderer Teil/Abschn_17/§_227§ 227

I.

Tatbestand

 

 

1.

Verwirklichung des Grunddelikts, § 223

 

 

 

a)

Objektiver Tatbestand

 

 

 

b)

Subjektiver Tatbestand

 

 

2.

Schwere Folge

 

 

 

a)

Eintritt der qualifizierenden Folge

 

 

 

 

Tod bei § 227

 

 

 

 

Folge gem. Nr. 1–3 bei § 226 Abs. 1

 

 

 

b)

Kausalität und

 

 

 

c)

Spezifischer Gefahrzusammenhang zwischen Grunddelikt und schwerer Folge

 

 

 

 

 

Anknüpfungspunkt

Rn. 248

 

 

 

 

Unterbrechung durch Fluchtverhalten des Opfers

Rn. 251

 

 

d)

zumindest Fahrlässigkeit (§ 18)

 

II.

Rechtswidrigkeit

 

III.

Schuld

 

 

 

subjektiver Fahrlässigkeitsvorwurf

 

II. Tatbestandliche Voraussetzungen

241

Erforderlich ist zunächst der Eintritt der schweren Folge. Es ist in der Klausur alsdann zu prüfen, ob zwischen dem Grunddelikt der Körperverletzung und der Folge Kausalität vorliegt.

Darüber hinaus muss auch ein spezifischer Gefahrzusammenhang (oder auch Unmittelbarkeitsbeziehung) vorliegen, was bedeutet, dass sich die spezifische Gefährlichkeit des Grunddeliktes in typischer Weise in der schweren Folge niedergeschlagen haben muss. (Gedanke der objektiven Zurechnung). Hier werden in der Klausur typischerweise die Probleme liegen.

242

Wiederholen Sie in diesem Zusammenhang das fahrlässige Delikt, insbesondere die Definition der Fahrlässigkeit sowie die objektive Zurechnung, dargestellt im Skript „Strafrecht AT I“.

Schließlich muss gem. § 18 „wenigstens Fahrlässigkeit“ gegeben sein. Die Fahrlässigkeit ist zunächst objektiv zu bestimmen. Wie bei den „normalen“ Fahrlässigkeitsdelikten auch, ist in der Schuld dann der subjektive Fahrlässigkeitsvorwurf zu prüfen.

1. Kausalität und Fahrlässigkeit

243

Die Feststellung der Kausalität und Fahrlässigkeit werden Ihnen in der Regel keine Schwierigkeiten bereiten.

244

Bei der Kausalität ist danach zu fragen, ob das Grunddelikt nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass die konkrete Folge entfiele (conditio sine qua non).

245

Die Fahrlässigkeit bestimmt sich nach der objektiven, im Verkehr erforderlichen Sorgfalt bei objektiver Vorhersehbarkeit der Folge. Die Außerachtlassung der Sorgfalt liegt in der Regel in der Verwirklichung des Grunddelikts, so dass in der Klausur nur noch überprüft werden muss, ob bei Vornahme der vorsätzlichen Körperverletzungshandlung der Eintritt der Folge objektiv vorhersehbar war.

246

Bei der subjektiven Sorgfaltspflichtwidrigkeit, die in der Schuld zu prüfen ist, ist festzustellen, dass der Täter aufgrund seiner individuellen Voraussetzungen in der Lage war, das Sorgfaltspflichtwidrige seiner Handlung und den vorhersehbaren Eintritt der Folge zu erkennen. Dies kann z.B. aufgrund einer erheblichen Alkoholisierung fraglich sein.

BGH NStZ 2001, 478.

Beispiel

Im bereits dargestellten Salzpuddingfall hat der BGH die subjektive Sorgfaltspflichtwidrigkeit der Täterin verneint. Da sie nicht wusste, in welchem Umfang der Pudding versalzen war und zudem auch keine Kenntnisse über die Möglichkeit und die Folgen einer Dehydration hatte, war es ihr nicht möglich, den Eintritt der Folge vorherzusehen.

2. Spezifischer Gefahrzusammenhang

247

Die Körperverletzung mit Todesfolge setzt sich aus zwei strafrechtlichen Vorwürfen zusammen: zum einen der vorsätzlichen Körperverletzung und zum anderen der fahrlässigen Verursachung des Todes. Beides könnte über § 223 und § 222 erfasst werden, mit der Folge, dass dem Tatrichter eine Geldstrafe und Freiheitsstrafe bis zu maximal 5 Jahren zur Verfügung stünden. § 227 hingegen gibt dem Strafrichter einen Strafrahmen von 3 Jahren bis zu 15 Jahren (vgl. § 38 Abs. 2) an die Hand. Aufgrund dieses hohen Strafrahmens besteht Einigkeit darüber, dass § 227 restriktiv auszulegen ist, weswegen ein spezifischer Gefahrzusammenhang (auch Unmittelbarkeitszusammenhang genannt) zwischen dem Grunddelikt und der Folge bestehen muss. Dieser liegt vor, wenn sich die dem Grunddelikt anhaftende, spezifische Gefährlichkeit in typischer Weise in der Folge niedergeschlagen hat.

Sofern Sie – wie oben angeregt – die objektive Zurechnung wiederholt haben, werden Sie feststellen, dass der Gedanke des Unmittelbarkeitszusammenhangs identisch ist mit jenem der objektiven Zurechnung. In beiden Fällen wird eine Wertung vorgenommen. Bei der objektiven Zurechnung wird danach gefragt, ob der Erfolg „das Werk des Täters“ ist, bei § 227 wird überprüft, ob die Folge „das Werk der Körperverletzung“ ist. Wie bei der objektiven Zurechnung auch, kann der Unmittelbarkeitszusammenhang unterbrochen sein durch z.B. atypische Kausalverläufe oder das Dazwischentreten eines Dritten. Praxis- und klausurrelevant ist vor allem das Dazwischentreten des flüchtenden Opfers.

a) Anknüpfungspunkt

248

Bei der Körperverletzung mit Todesfolge ist der Anknüpfungspunkt für die Unmittelbarkeitsbeziehung umstritten.

249

Teilweise wird nach der in der Literatur vertretenen Letalitätslehre verlangt, dass sich die in dem vorsätzlich herbeigeführten Körperverletzungserfolg liegende Gefahr im Tod realisiert haben muss. Der Tod muss also auf der Art und Schwere der eingetretenen Körperverletzung beruhen.

Lackner/Kühl § 227 Rn. 2; Geilen Festschrift für Hans Welzel, 1974, S. 655.

Begründet wird dies vor allem mit der oben dargestellten, beachtlichen Strafandrohung (auch und gerade im Verhältnis zu § 222, der bereits die Gefährlichkeit der Handlung erfasst) und dem sich daraus ergebenden Erfordernis einer engen Auslegung. Darüber hinaus wird auf den Wortlaut „verletzte Person“ abgestellt.

Joecks § 227 Rn. 8; Jäger Strafrecht BT Rn. 90.

250

Die Rechtsprechung sowie Teile der Literatur vertreten hingegen, dass der Wortlaut diese Einschränkung nicht unbedingt stütze und verstehen hingegen unter der Körperverletzung im Sinne des § 227 nicht bloß den Erfolg, sondern darüber hinaus auch die Ausführungshandlung. Begründet wird dies des Weiteren damit, dass häufig bereits die vorsätzlich ausgeführte Handlung eine tatbestandsspezifische Gefährlichkeit in sich bergen könne, die, ohne dass der Körperverletzungserfolg selbst gefährlich ist, die schwere Folge herbeiführt. Zudem wird auf den Klammerzusatz Bezug genommen, wonach die §§ 223 bis 226 als Grunddelikte mit eingeschlossen sind, demnach also auch deren Absätze 2, die den Versuch unter Strafe stellen, also eine Situation, bei welcher der tatbestandliche Erfolg ausgeblieben ist.

BGHSt 14, 110; 31, 96; Wessels/Hettinger Strafrecht BT 1 Rn. 298.

Beispiel

A ergreift B im Rahmen einer Auseinandersetzung und schleudert ihn vehement und mit großer Aggression gegen eine Wand. B verliert daraufhin das Gleichgewicht und stürzt eine Steintreppe herunter, an deren Kopf die Auseinandersetzung stattgefunden hat. Unten bleibt er regungslos liegen, da er sich beim Sturz einen tödlichen Genickbruch zugezogen hat.

Hier könnte nur nach der Ansicht der Rechtsprechung und der ihr folgenden Literatur eine Körperverletzung mit Todesfolge vorliegen, da es ausreichen würde, dass die Verletzungshandlung lebensbedrohlich ist und der Tod unmittelbar auf dieser Handlung beruht, insbesondere also keine atypische Folge darstellt. Die Literatur, die eine Gefährlichkeit des Körperverletzungserfolges verlangt, käme zu einer Bestrafung gem. §§ 223, ggfs. 224, und 222, da der Körperverletzungserfolg, also die Prellungen, die B sich durch den Aufprall auf der Wand zuzog, keine tödliche Gefahr, insbesondere nicht die Gefahr des Genickbruchs beinhaltete.

Beispiel

A schlägt ohne Tötungsvorsatz mit einer entsicherten Pistole auf den B ein. Dabei löst sich ein Schuss, der B tödlich verletzt.

Der BGH

BGHSt 14, 110.

hat § 227 bejaht, da er auf die Gefährlichkeit der Körperverletzungshandlung (Schlagen mit einer entsicherten Pistole) abgestellt hat. Die Letalitätslehre würde wegen §§ 223 (ev. § 224 Abs. 1 Nr. 1) und gem. § 222 bestrafen.

Beispiel

Im obigen Salzfall kommen beide Auffassungen zu demselben Ergebnis, da der vorsätzlich herbeigeführte Körperverletzungserfolg in der Aufnahme der Salzmenge und der dadurch ausgelösten Übelkeit und dem Erbrechen liegt. Dieses Risiko hat sich in der Dehydration realisiert.

Sofern in der Klausur beide Auffassungen zu demselben Ergebnis gelangen, reicht ein Hinweis auf die Letalitätslehre. Eine ausführliche Darstellung der unterschiedlichen Auffassungen ist nicht erforderlich. Auswirkungen hat der Meinungsstreit aber auch auf die Strafbarkeit des erfolgsqualifizierten Versuchs. Dazu mehr unter Rn. 254.

b) Unterbrechung des spezifischen Gefahrzusammenhangs durch das Fluchtverhalten des Opfers

251

Denkbar ist, dass die Folge erst dadurch eingetreten ist, dass das Opfer aus Furcht vor der Körperverletzung die Flucht ergreift und dabei zu Tode kommt. Umstritten ist in diesen Fällen, ob der spezifische Gefahrzusammenhang dann durch das eigene Verhalten des Opfers unterbrochen wird.

252

Die Literatur vertritt die Ansicht, dass Fluchtreaktionen des Opfers dem elementaren Selbsterhaltungstrieb des Menschen entspringen und bei gravierenden Misshandlungen so naheliegend wie deliktstypisch sind. Aus diesem Grund unterbricht nach Ansicht der Literatur das eigene Verhalten des Opfers den Unmittelbarkeitszusammenhang nicht.

Wessels/Hettinger Strafrecht BT 1 Rn. 301.

253

Der BGH hatte zunächst in dem sog. „Rötzelfall“,

BGH NJW 1971, 152.

bei welchem eine Ehefrau aus Angst vor den anhaltenden Gewalttätigkeiten ihres Mannes auf den Balkon geflohen und dort tödlich abgestürzt war, eine Unterbrechung des Unmittelbarkeitszusammenhangs aufgrund einer eigenverantwortlichen Selbstgefährdung des Opfers angenommen. Inzwischen hat er sich jedoch der Ansicht der Literatur angenähert, wobei er differenziert: Ist der Geschädigte durch das Verhalten der Peiniger in panikartige Angst gebracht worden, so kann von einer eigenverantwortlichen Selbstgefährdung nicht ausgegangen werden, mit der Folge, dass eine gefährliche Flucht des Opfers, bei welchem dieses zu Tode kommt, den Unmittelbarkeitszusammenhang nicht unterbricht.

BGH NJW 1992, 1708.

In allen anderen Fällen soll das eigenverantwortliche Verhalten des Opfers den Unmittelbarkeitszusammenhang nach wie vor beseitigen können.

Beispiel

B hat bereits mehrere Schläge mit dem Baseballschläger eingesteckt. Als A zu einem weiteren Schlag ausholt, läuft B auf die hinter ihm liegende, stark befahrene Straße und wird dort von einem vorbeifahrenden Auto überfahren. Er stirbt an den Folgen des Unfalls. Die Schläge mit dem Baseballschläger haben lediglich einige Knochenbrüche verursacht.

Hier könnte sich A wegen § 227 strafbar gemacht haben. Die vorsätzliche Körperverletzung liegt in dem Schlagen mit dem Baseballschläger. Dieses Schlagen war auch kausal für den eingetretenen Tod, da B nicht auf die Straße gelaufen wäre, wenn A nicht auf ihn eingeschlagen hätte. Problematisch ist jedoch der Unmittelbarkeitszusammenhang. Fraglich ist, ob sich die der Körperverletzung innewohnende Gefahr in der Folge niedergeschlagen hat. Verlangt man als Anknüpfungspunkt den Körperverletzungserfolg, so ist schon aus diesem Grund der Unmittelbarkeitszusammenhang zu verneinen, da der Erfolg in den Knochenbrüchen lag. Diese bargen jedoch nicht das Risiko des Todes durch Überfahren. Stellt man hingegen auf die Körperverletzungshandlung ab, so stellt sich die Frage, ob diese denn das tatsächlich eingetretene Risiko in sich barg. Der Unmittelbarkeitszusammenhang könnte aufgrund eines eigenverantwortlichen Dazwischentretens des A unterbrochen sein. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Flucht ein elementarer Selbsterhaltungstrieb ist und dass B erheblichen Gefahren aufgrund des Baseballschlägers ausgesetzt war, die Grund zu der Annahme geben, dass er in Panik auf die Straße gelaufen ist. Aufgrund dessen kann nicht von einer Eigenverantwortlichkeit der Selbstgefährdung gesprochen werden. Da A auch fahrlässig gehandelt hat, sind die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 227 gegeben.

Unterscheiden Sie – wie soeben gesehen – in den „Flucht-Fällen“ sorgfältig zwischen dem Anknüpfungspunkt und der Unterbrechung des Unmittelbarkeitszusammenhangs durch die Flucht des Opfers.

III. Versuch

254

Wie bereits erwähnt, hat der Meinungsstreit bezüglich der unterschiedlichen Anknüpfungspunkte Auswirkungen auch auf die Strafbarkeit des erfolgsqualifizierten Versuchs.

255

Wiederholen Sie an dieser Stelle den Aufbau des erfolgsqualifizierten Versuchs, dargestellt im Skript „Strafrecht AT I“.

Der erfolgsqualifizierte Versuch ist dabei zunächst vom Versuch der Erfolgsqualifikation zu unterscheiden.

256

Eine Versuch der Erfolgsqualifikation liegt vor, wenn der Täter bei Verwirklichung des Grunddelikts die schwere Folge zumindest billigend in Kauf nimmt, so z.B. wenn der Täter einer Körperverletzung billigend in Kauf nimmt, dass das Opfer in Folge des Schlages das Sehvermögen verliert, diese Folge allerdings ausbleibt, wobei der Erfolg des Grunddelikts eintreten oder ebenfalls ausbleiben kann. Dieser Versuch ist möglich, da § 18 nur davon spricht, dass die Folge „wenigstens“ fahrlässig herbeigeführt worden sein muss. Daraus folgt, dass der Täter diesbezüglich auch mit dolus eventualis handeln kann.

Nimmt der Täter bei § 227 den tatsächlich ausbleibenden Tod mit dolus eventualis in Kauf, dann liegt versuchter Totschlag vor, den der versuchte § 227 verdrängt, so dass eine Prüfung überflüssig ist. Bei § 226 Abs. 1 hingegen kann der Versuch der Erfolgsqualifikation relevant werden. In einem solchen Fall müssen Sie im Tatentschluss feststellen, dass dieser auf die Verwirklichung der Nrn. 1–3 gerichtet war. Sofern der Täter dolus directus 1. oder 2. Grades hatte, liegt kein Versuch der Erfolgsqualifikation gem. Abs. 1, sondern ein Versuch der Qualifikation gem. Abs. 2 vor!

257

Ein erfolgsqualifizierter Versuch ist hingegen anzunehmen, wenn schon beim Versuch des Grunddelikts die schwere Folge eintritt.

258

Die Vertreter der Letalitätslehre, die verlangen, dass sich die Gefährlichkeit des Körperverletzungserfolges in der schweren Folge niederschlagen muss, lehnen eine Strafbarkeit des erfolgsqualifizierten Versuchs ab.

Lackner/Kühl § 227 Rn. 2; Joecks § 227 Rn. 13.

Die andere Auffassung knüpft an die Körperverletzungshandlung an und fragt danach, ob sich deren spezifische Gefährlichkeit in der Folge realisiert hat. Der erfolgsqualifizierte Versuch ist hiernach mithin möglich.

Beispiel

Der von mehreren Gewalttätern verfolgte A tritt mit dem Fuß eine Glasscheibe ein, um sich vor seinen Peinigern, die ihn zusammenschlagen wollen, in Sicherheit zu bringen. Bei diesem Versuch sowie bei dem nachfolgenden Durchsteigen der Türe schlitzt sich A die Hauptschlagader am Fuß auf und verblutet („Gubenfall“).

BGH Urteil vom 9.10.2002 AZ 5 STR 42/02 – abrufbar unter www.bundesgerichtshof.de.

Die Vertreter der Letalitätstheorie müssten eine Strafbarkeit gem. §§ 223, 22, 23, 227 ablehnen, da ein vorsätzlich herbeigeführter Körperverletzungserfolg, dessen Gefahr sich hätte realisieren können, nicht eingetreten ist. Der BGH hat sich mit der Versuchsstrafbarkeit auseinander gesetzt, musste sich dann aber fragen, ob sich das durch die Körperverletzungshandlung geschaffene Risiko verwirklicht hat, da die Verletzung eingetreten ist, als das Opfer durch die Glasscheibe trat, was er aber mit der oben dargestellten Argumentation bejaht hat.

IV. Täterschaft und Teilnahme

259

Sind an der Körperverletzung mit Todesfolge mehrere beteiligt, so ist gem. § 29 für jeden Beteiligten separat zu prüfen, ob ihm hinsichtlich der schweren Folge wenigstens Fahrlässigkeit zur Last fällt.

260

Bei der Anstiftung/Beihilfe muss mithin zum Zeitpunkt der Erbringung des Teilnehmerbeitrages der Eintritt der schweren Folge für den Teilnehmer vorhersehbar sein.

Beispiel

Nehmen Sie an, dass im obigen Baseballschlägerfall (Rn. 253) A von seiner Freundin F angestiftet wurde, den B mit einem Baseballschläger gehörig zu verprügeln.

In der Klausur müsste nun geprüft werden, ob F sich wegen Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge strafbar gemacht haben kann. Die vorsätzliche, rechtswidrige Haupttat ist § 227, der gem. § 11 Abs. 2 als Vorsatztat anzusehen ist. Zu dieser Tat hat F den A bestimmt. Bezüglich des Grunddelikts der §§ 223, 224 Abs. 1 Nr. 1 hatte F auch Vorsatz. Hinsichtlich der Folge braucht sie keinen Vorsatz zu haben, da andernfalls die Anforderungen an ihre Strafbarkeit höher wären als jene an den Haupttäter, bei dem Fahrlässigkeit ausreicht. Im subjektiven Tatbestand müssen Sie also differenzieren: Fraglich ist nämlich, ob Sie hinsichtlich der Folge fahrlässig gehandelt hat, als sie A anstiftete. In der Anstiftung liegt unproblematisch ein Außerachtlassen der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt. Ob es für einen Dritten jedoch objektiv vorhersehbar war, dass B aus Furcht vor weiteren Schlägen auf die viel befahrene Straße läuft, dort vom Auto erfasst wird und verstirbt, hängt davon ab, ob der Tatort und die Umstände der Tat zum Zeitpunkt der Anstiftung fest standen. Ist dies zu bejahen, so liegt eine Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge vor.

261

Gleiches gilt für die MitTäterschaft. Auch hier muss danach gefragt werden, ob der Mittäter zum Zeitpunkt der Erbringung seiner Handlung fahrlässig im Hinblick auf die Folge gehandelt hat.

Beispiel

A, B und C, allesamt der rechtsradikalen Szene angehörend, schlagen und treten gemeinsam auf den unterlegenen X ein. Im Zuge der intensiver werdenden Misshandlungen springt A aufgrund eines spontan gefassten Entschlusses auf den Kopf des X, der gerade gezwungen worden war, in die Kante eines Schweinetrogs zu beißen. Mit diesem Sprung haben B und C nicht gerechnet („Schweinetrogfall“).

BGH NStZ 2005, 93.

A hat sich wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen gem. § 211 strafbar gemacht. B und C haben sich zunächst, mangels Tötungsvorsatzes, nicht des mittäterschaftlich begangenen Mordes sondern der gemeinschaftlich begangenen, schweren Körperverletzung gem. §§ 223, 224 Abs. 1 Nr. 4, 25 Abs. 2 strafbar gemacht. Darüber hinaus hat der BGH beide wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung mit Todesfolge gem. §§ 227, 25 Abs. 2 verurteilt. Der gefährlichen Körperverletzungshandlung haftet nach Auffassung des BGH im konkreten Fall die Gefahr der Eskalation an. Genau diese Gefahr hat sich in dem vorsätzlichen Sprung des A auch realisiert. Aus diesem Grund kommt auch kein, den Unmittelbarkeitszusammenhang unterbrechendes Dazwischentreten des A in Betracht, da A nicht „dazwischen“ getreten ist, sondern, veranlasst durch B und C, die Gefahr weiter entwickelt hat.

V. Konkurrenzen

262

§ 227 verdrängt den § 222 und die §§ 223, 224 und 226 im Wege der Gesetzeskonkurrenz. § 227 wird verdrängt von den §§ 211, 212.

In der Klausur sollten Sie zunächst mit den Tötungsdelikten beginnen, sofern es Anhaltspunkte für einen dolus eventualis gibt. Sofern Sie den Vorsatz verneint haben, prüfen Sie nicht im Anschluss § 222, sondern beginnen mit der Prüfung der Körperverletzungsdelikte, die in § 227 mündet. Ist § 227 einschlägig, muss § 222 nicht mehr geprüft werden.

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